Oberflächenstrukturen der Smartphones
Wie ich zu der Idee der Display-Bilder fand
Die Oberfläche eines Smartphones ist, wenn man sie lange genug betrachtet, weniger ein technisches Bauteil als eine kleine Landschaft. Glas, gedacht für Perfektion: glatt, glänzend, widerstandsfähig. Doch kaum hat es den Weg in die Welt gefunden, beginnt es Spuren zu sammeln. Kratzer, matte Stellen vom Wischen, feine Linien wie winzige Karten unbekannter Gebiete.
Meine Aufmerksamkeit für diese Oberflächen begann nicht aus ästhetischem Interesse, sondern aus einer öffentlichen Debatte. Als vor einigen Jahren viele Menschen nach Deutschland kamen, zeigten Fernsehbilder immer wieder dasselbe Motiv: Fremde, Schutzsuchende, Flüchtlinge und in ihren Händen Smartphones. Schnell entstand eine irritierte Frage, manchmal auch ein Vorwurf: Wie kann es sein, dass sie sich solche Geräte leisten können?
Die andere, naheliegendere Erklärung tauchte erst später in der Diskussion auf: dass ein Smartphone vielleicht das Wichtigste ist, was man auf der Flucht mit sich trägt. Nicht als Luxus, sondern als Verbindung. Als Karte. Als Übersetzer. Als Adresse. Vor allem aber als dünner digitaler Faden zu Familie und Freunden, die über viele Länder verstreut sind.
Gespräche, die ich später unter anderem mit Beamten der Bundespolizei führte, bestätigten mir genau das. Das Kontakt-Halten mit Angehörigen ist für viele dieser Menschen kein Nebenaspekt, sondern ein existenzieller Anker. Ein kleines Gerät, das Nähe simuliert, während die Welt auseinanderfällt.
Von da an begann ich, über Smartphones ganz anders nachzudenken. Nicht über Apps oder Modelle, sondern über ihre Oberflächen. Wenn man genauer hinsieht, erzählen sie Geschichten. Viele Displays sind stark abgenutzt, von tausenden Berührungen poliert oder von Schlüsseln und Sand zerkratzt. Manche sind sorgfältig geputzt, andere tragen matte Spuren von Alltag und Arbeit. Einige sind durch Hüllen geschützt, andere liegen ungeschützt in der Hosentasche, wo Staub und Münzen langsam ihre Linien in das Glas schreiben.
Das Erstaunliche ist: In diesen Spuren verschwinden Unterschiede. Das Display eines Studenten aus Bayern sieht dem eines Geflüchteten aus Syrien oder Afghanistan oft erstaunlich ähnlich. Die gleichen Kratzer, die gleichen Wischbewegungen, die gleiche Abnutzung an den Stellen, an denen der Daumen immer wieder den Bildschirm berührt.
Durch die Begegnungen mit vielen fremden Menschen/Migranten, Geflüchteten aus unterschiedlichen Ländern, durfte ich ihre Smartphones fotografieren. Nur die Oberflächen. Nur das Glas. In diesen Bildern wird sichtbar, wie sehr unser Leben inzwischen mit diesem kleinen Gerät verwoben ist.
Das Smartphone wird dabei zu einer Art gemeinsamer Haut der Gegenwart. Es trägt die Spuren unserer Kommunikation, unserer Ungeduld, unserer Sehnsucht nach Nähe. Es wird berührt, gedrückt, gewischt, unzählige Male am Tag.
Und vielleicht erzählen diese zerkratzten Oberflächen mehr über unsere Zeit als jede Statistik: dass wir, trotz aller Unterschiede, auf denselben glatten Flächen nach Verbindung suchen.
Die entstandenen Fotografien zeigen genau diese stillen, universellen Spuren. Dass sie schließlich sogar einen ausführlichen Bericht im Programm des Bayerischer Rundfunk über die Bilder, ihre Entstehung und die Ausstellung ausgelöst haben, war für mich weniger eine Überraschung als eine Bestätigung:
Manchmal liegt das Politische nicht in großen Symbolen.
Sondern in einem zerkratzten Stück Glas, das jemand fest in der Hand hält.